Pressemitteilung 6/02 25.2.02

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Welcher Platz in unserem Weltbild

gebührt den Genen?

Über das Thema "Gensequenzen oder Willensfreiheit - was bestimmt unsere Kultur?" sprach kürzlich vor 60 Hörern, unter denen sich u.a. etliche Lehrer befanden, Prof. Bernhard Verbeek in der Vorlesungsreihe "Für Bürger von Heute und Morgen: Elemente eines zukunftstauglichen Welt- und Menschenbildes" auf dem Forschungs-Campus Berlin-Buch. Das derzeit immer noch verbreitete natur- und geisteswissenschaftliche "Schubladendenken" begünstige - so der Referent - extreme Standpunkte, die mitunter sehr emotional verteidigt würden, aber das komplexe Beziehungsgeflecht unseres Universums verkennen: Die einen sehen menschliches Verhalten als vollkommen genetisch vorbestimmt, die anderen als völlig frei. Die moderne Evolutions- und Genforschung vermittelt ein differenzierteres Bild.

Alle existierenden Lebenserscheinungen haben eine Geschichte und sind nach den naturgesetzlichen Spielregeln der Evolution entstanden. Die biologische Evolution könne man als einen Lernprozeß begreifen, dessen Erkenntnisse im genetischen Code niedergeschrieben wurden. In diesem Lernprozeß gebe es keinen Lehrer, wohl aber praktische "Prüfungen". Die einzige Prüfungsfrage sei, ob (nicht wie) die Gene dafür sorgen konnten, daß ihre Träger ihnen die Reproduktion in Nachkommen sichern konnten. Kein heutiges Lebewesen hat irgendeinen Vorfahren, der diese "Prüfung" nicht bestanden hätte. Alle anderen sind der Selektion zum Opfer gefallen. Nach diesem evolutionären Verfahren wurde die Fähigkeit zur Weitergabe der Gene in drei Lernstufen ausgebaut: Entwicklung von Reflexen und Instinkten, Entwicklung dressurartiger und prägungsartiger Lernfähigkeiten und - auf dieser Grundlage - Befähigung zur Kultur. Alles dies machte uns zunehmend unabhängig von verschiedensten Zufälligkeiten unserer Lebensumstände.

Bezüglich unserer drei beliebtesten anthropologischen Postulate - Erziehbarkeit, Willensfreiheit und Verantwortlichkeit - ergibt sich daraus eine scheinbare Paradoxie: Obwohl beste Erziehung und bester Wille an unseren Genen nichts ändern können und wir dafür schon gar nicht verantwortlich sein können, sind es gerade die genetischen Vorgaben, auf denen unsere Erziehbarkeit, Willensfreiheit und Verantwortlichkeit beruhen. Allerdings setzen sie dafür auch Begrenzungen. So lernen wir z.B. prägungsartig sehr leicht kulturspezifisches Imponiergehabe ("Markenklamotten", "Luxuskarossen"), Verzicht auf Imponiermöglichkeiten aus ökologischer oder humanitärer Verantwortung heraus fällt uns dagegen schwer. Während wir leicht zur Verteidigung unserer eigenen Gruppe zu bewegen sind, hat die Kirche jahrhundertelang ziemlich vergeblich versucht, uns Feindesliebe anzuerziehen. Es gebe eben "Präferenzen, die in der stammesgeschichtlichen Vergangenheit mit einem besonderen Selektionsbonus bedacht wurden". Deren genauere Erforschung sei eine wichtige Aufgabe, die noch einer Lösung harrt.

 

Weitere Informationen zu diesem Votrag

Gensequenzen oder Willensfreiheit – was bestimmt unsere Kultur?

Zusammenfassung des Vortrags von Prof. Dr. Bernhard Verbeek

Oft stehen sich zwei extreme Standpunkte gegenüber – die einen halten die in den Genen festgelegten und ererbten Eigenschaften für unumstößliche Herrscher über den Geist, die anderen glauben an die umfassende Erziehbarkeit des Menschen und eine daraus resultierende Herrschaft des Geistes über seine ererbten Eigenheiten. Die strenge Trennung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften bestärkt diese extremen Haltungen. Aber sie verkennen beide das enge Beziehungsgeflecht des Universums, das sie miteinander verbindet und dessen Teil wir selber sind. Als selbstbewußte Menschen erkennen und überschätzen wir die Möglichkeiten des Geistes, auf die Materie einzuwirken, sind uns aber der Abhängigkeit des Geistes von den materiellen Bedingungen zu wenig bewußt.

Alles Existierende hat eine Geschichte und ist nach den Spielregeln der Evolution entstanden. Entstanden sind Strukturen, die sich im Inneren eine immer komplexere Ordnung schufen, um ihre Abhängigkeit von den Umweltbedingungen zu verringern. Das gilt auch für das Leben und für ökologische und soziale Systeme. In der Evolution bestehen und sich bewähren konnten nur solche Systeme, die es verstanden, sich zu reproduzieren und über alle Zeiten hinweg erfolgreich weiterzuentwickeln. Alles andere wurde durch die Selektion verworfen. Die "Erfolgsidee" hat sich in den Gensequenzen der DNA materialisiert, ist in ihnen einprogrammiert. Jedes Wesen ist deshalb vor allem so beschaffen, dass es sich in seiner jeweiligen Umgebung behaupten und reproduzieren kann, denn als seine Vorfahren kommen nur jene in Betracht, die genau dies konnten. Die eigentliche Evolution spielte sich deshalb schon immer durch eine Veränderung der in den Genen codierten Informationen ab, ihr Wert zeigte sich aber erst in der Lebens- und Überlebensfähigkeit des Organismus, des Phänotyps.

Die Phylogenese zum Menschen hin ist durch drei wesentliche, in den Genen fixierte Eigenschaften befördert worden: durch Reflexe und Instinkte, durch die Fähigkeit zum Lernen und durch die Befähigung zur Kultur. Auf ihnen beruhen seine Erziehbarkeit, seine Willensfreiheit und seine Verantwortlichkeit. Alle drei Eigenschaften bedingen einander und stehen paradoxer Weise gleichzeitig gegeneinander. So wurde die Lernfähigkeit mit Hilfe der Gene in den Organismen installiert und sie beseitigt gleichzeitig die Starrheit der älteren genetisch bedingten, instinktmäßigen Verhaltensprogramme. Lernprozesse sind die Grundlage des Wissens, die Nutzung des Wissens aber verschafft dem Menschen erst Willens- und Entscheidungsfreiheit und gibt ihm eine Verantwortlichkeit, die gleichzeitig die Willensfreiheit wieder einschränkt.

Während die durch Gene fixierten Eigenschaften sich nur über Generationen hinweg verändern können, wird die Entwicklung der Menschheit durch die Kultur um ein Vielfaches beschleunigt und kulturelle Neuerungen können sich heute mit elektronischer Geschwindigkeit über den gesamten Globus verbreiten. Kultur entsteht aus der Wechselwirkung der Psyche der einzelnen Menschen und wirkt auf den einzelnen Menschen durch dessen Einjustierung auf die jeweilige Umwelt ähnlich wie eine Prägung. Ungeachtet dieser kulturellen Potenzen bleibt der Mensch aber den, durch seine Gene bedingt, nur langsam veränderlichen Eigenschaften verhaftet. Seine Genausstattung ermöglicht jedoch über das Gehirn eine Personalität mit Selbstbewußtheit, welche die Folgen ihres Tuns reflektieren und in Grenzen voraussehen und steuern kann. Daraus folgt Verantwortlichkeit.

Durch die Verantwortlichkeit hat der bis dahin interesselose Prozess der Evolution eine neue Qualität bekommen. Verantwortliches Handeln setzt voraus, von subjektiven Sichtweisen zu abstrahieren und außersubjektive Gesichtspunkte zu akzeptieren, die Fähigkeit, zukünftige Folgen des eigenen Handelns abzuschätzen und instinktmäßige Reflexe des eigenen Triebsystems zu steuern. Zum Erwerb solcher Fähigkeiten des Individuums muß auch die Umwelt etwas beitragen: durch vertrauenerweckende Prägevorbilder und Lehrpersonen, durch das richtige soziale Klima und im weitesten Sinne durch eine Erziehung, die man nicht als solche bemerkt. Auf dem Umweg über die Kultur ist der Mensch in der Lage, seine genetisch bedingte Disposition zu erkennen, zu bewerten und in ihren Auswirkungen zu beeinflussen.

Zurückkommend auf die in der Überschrift formulierte Frage gab Professor Verbeek zu bedenken, dass der Begriff der Willensfreiheit ein sprachliches Konstrukt sein könnte, das gar keine Entsprechung in der Realität hat und demzufolge auch gar nicht präzise definiert werden kann. Die Frage, ob der Mensch einen freien Willen hat, kann deshalb nicht exakt beantwortet werden. Eine Verantwortung für seine zukünftige Entwicklung aber hat er ohne Zweifel.

Bertram Köhler