Auf dem Weg zu einem zukunftstauglichen

Welt-, Gesellschafts- und Menschenbild

Thesenhafte Zusammenfassung zum Vortrag von Hans-Volker Pürschel

4. Zukunfts-Werkstatt des WZFG e.V.

am 8./9.4.05

 

 

Globalverhalten

 

Das Zusammenwirken aller Menschen (menschliches Globalverhalten) bedroht unsere natürlichen wie sozialen Lebensgrundlagen - ungewollt, absehbar, schwierig zu vermeiden.

 

Um Globalverhalten dennoch zukunftstauglich gestalten zu können, müssen seine Entwicklungsgesetze erkannt, modelliert, in geeigneter Form zum weltanschaulichen Allgemeingut gemacht und fachkundig angewendet werden.

 

Ziel ist zunächst eine grobe Konzeptualisierung hierfür - ausgehend von folgender These:

 

Menschliches Globalverhalten ist eine objektive, biologisch-kulturell evolvierende dynamische Systemerscheinung des Verhaltens vieler Akteure unterschiedlicher Komplexität, für die individuelle subjektive Faktoren scheinbar weitestgehend irrelevant sind.

Beispiele: Bevölkerungszahl, technische und ökonomische Leistungsparameter, Ressourcenverbrauch, soziale Disparitäten u.a. wachsen bisher über lange Zeiträume beschleunigt nach „eisernen“ Gesetzmäßigkeiten, die auch geniale individuelle Erfindungen nicht erkennen lassen. Selbst gigantische kollektive „Leistungen“ - wie verheerende Weltkriege - erscheinen in solchen Entwicklungskurven nur als vorübergehende Störungen, die nach kurzer Zeit wieder „ausgebügelt“ sind.

 

Akteure des Globalverhaltens

 

Als komplexe Akteure werden nach Hans Hass theoretisch zweckmäßig sog. Energone angesehen. Das sind  aktiv Energie, Information und Stoff erwerbende Einheiten aus Organismen samt aller ihrer funktionell dazugehörigen Gegenstände.

Beispiel: Die Spinne samt ihrem vom „nackten“ Körper separaten Netz als Erwerbsorgan ist der Energon-Körper.

Durch diese Erweiterung des Organismusbegriffs ist der Mensch mit allen seinen kulturell geschaffenen Gegenständen als künstlichen Organen seines Energon-Körpers und seiner modernen, auf die Universal-Ressource Geld gerichteten ökonomischen Erwerbsart eingeschlossen.

Geld wird dabei als Anwartschaft auf menschliche Arbeitsleistung angesehen.

Beispiel: Das schließt Energie (z.B. Strom), geordnete materielle Strukturen (z.B. Brot, Plattenspieler, ...) und Information (z.B. Zeitung) mit ein.

Während Pflanzen und Tiere erworbene Überschüsse nur wieder in Erwerb, Wachstum, Vermehrung oder Reserven hierfür investieren können, kann der Mensch sie auch für lediglich angenehmen Luxus ausgeben. Je nach Zweck werden künstliche Organe (also kulturelle Gegenstände) dem Erwerbs- oder Luxus-Körper zugerechnet.

Beispiel: Der Glaser mit Werkstatt, Werkzeugen und Glas, Wohnhaus mit Hausrat, Bankkonto sind der Erwerbs-Körper; Blumengarten mit Hollywood-Schaukel und Swimmingpool gehören zum Luxus-Körper. Der für Vergnügungsfahrten mitgenutzte Firmenwagen gehört beiden Energon-Körpern des Glasers an.

 

Gleiche wie verschiedene Energon-Arten können zu Erwerbsorganisationen zusammengeschlossen sein, in denen die Einzel-Energone die Funktion von Organen ausüben. Erwerbsorganisationen sind selbst Energone und können auch selbst wieder als Gemeinschaftsorgane in einem umfassenderen Gesamt-Energon fungieren (quasi-fraktales Strukturierungs-Prinzip).

Beispiel: Die Erwerbsorganisation Eisenbahn ist Gemeinschaftsorgan des Staats-Energons für Transportfunktionen - bestehend aus den Energonen Fahrkartenverkäufer mit Schalter, Lokführer mit Lok, Techniker mit Gerätschaften, Transportarbeiter mit Wagen, ....

 

Die Doppelfunktion als Erwerbsorganisation und Gemeinschaftsorgan beinhaltet die grundsätzliche Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit von Interessenkonflikten zwischen Erwerbern und Nutzern.

 

Neben der Begriffserweiterung vom „nackten“ Organismus zum Energon nimmt die Energontheorie gleichzeitig eine radikale Abstraktion vor: Sie betrachtet alle natürlichen wie künstlichen Organe als „Wirkungsträger“ und Energone als „Wirkungsgefüge“ für folgende nach außen gerichtete allgemeine Funktionen:

                              Energie-, Informations- und Stofferwerb,

                              Vermehrung,

                              Feind/Störungsabwehr,

                              Helfer/Hilfegewinnung.

und nach innen gerichtete allgemeine Funktionen wie:

                              Bindung,

                              Koordination,

                              Erhaltung, ...

 

Menschliche Energone weisen gegenüber biologischen Organismen eine Reihe bedeutender Besonderheiten auf - u.a.:

    -     Es gibt eine art-ungleiche Vermehrung,

          Beispiel: Aus Überschüssen einer Glaserei kann eine Tischlerei entstehen.

    -     Energone können potenziell unsterblich sein.

Beispiel: Sterben Mitarbeiter eines Verlagshauses, so „schlüpfen“ andere Personen in die vorhandene Struktur.

 

Vier Selbstorganisations-Prinzipien des Globalverhaltens

 

Aufbau („Ontogenese“) der Energone und individuelles Verhalten („Aktualgenese“) der Energone werden gemeinsam von biologischen Informationseinheiten - den Genen - und kulturellen Informationseinheiten - den sog. Memen - auf Grundlage selbstorganisatorischer Prozesse adaptiv (umweltabhängig) gesteuert. Der Mensch spielt dabei für das Energon die gleiche Rolle wie die Keimzelle für den Organismus: Er liefert die Aufbau- und Verhaltensrezepte.

 

Prozesse des systemischen Zusammenwirkens dieser Energone zum Globalverhalten sind Gegenstand einer zu entwickelnden „Ökologie“ der Energone und könnten durchaus als „Ökogenese“ bezeichnet werden. Sie folgen Gesetzmäßigkeiten systemdynamischer Theorien (Nichtlineare Dynamik/Chaos-theorie, Synergetik/Sozio­dynamik, Evolutionäre Spieltheorie) und umfassen Phänomene u.a. folgender Art:

    -     chaotisches Verhalten - Beispiel: Börsenkurse

    -     synergetische Versklavungseffekte - Beispiel: Monetarisierung fast aller Lebensbereiche

    -     Entstehung quasi-fraktaler Ordnungs-Strukturen

            - Beispiel: ineinander geschachtelte weltweite, regionale, lokale Arm-Reich-Struktur

    -     Gleichgewichts-Selektion

            Beispiel: Entscheidung zwischen Rechts-, Links- oder gemischtem Verkehr.

 

Die Entwicklung des Energonverhaltens (auch des Energonaufbaus) erfolgt in fortwährender biologisch-kultureller Ko-Evolution („Phylogenese“ der Energone) - einem speziellen systemdynamischen Prozess, bei dem Gene und Meme (gemeinsam als Replika­toren bezeichnet) sich in wechselseitiger Abhängigkeit nach jeweils demselben evolutionären Algorithmus (Variation - Selektion - Replikation und Speicherung) entwickeln.

 

Menschliches Globalverhalten unterliegt also den vier Selbstorganisations-Prinzipien „Phylogenese“, „Ontogenese“, „Aktualgenese“ und „Ökogenese“. Die Anführungszeichen signalisieren, dass hier nicht die üblichen Begriffe gemeint sind, sondern konsequente Verallgemeinerungen im Sinne der Energontheorie. Wenn wir Globalverhalten gestalten wollen, ist das nur durch „organisierte Selbstorganisation“ möglich.

 

Evolution und ihre Resultate

 

Der evolutionäre Prozess kann als Lernprozess verstanden werden, dessen Lerninhalte in den Replikatoren gespeichert werden. Die Replikatoren bzw. Komplexe dieser Replikatoren „lernen“, ihre Träger (Organismen, Energone) auf dem Wege der Selbstorganisation zu umwel­tangepassten situationsabhängigen Verhaltensweisen zu „instruieren“, die der Weiterexistenz und Verbreitung der Replikatoren dienlich sind - insbesondere zu egoistischem oder altruistischem Verhalten (sog. Prinzip des „egoistischen“ Replikators). Haupt-Lerninhalt evolutionärer Prozesse sind demnach Grundprinzipien existenz-sichernder organisierter Selbstorganisation.

 

Der Lerncharakter von Evolution eröffnet die Möglichkeit bewusster Nachnutzung ihrer Ergebnisse im Zuge einer konstruktiven, funktionellen, organisatorischen und evolutionären Bionik. Hier verbirgt sich ein noch weitgehend ungenutzter umfangreicher Schatz evolutionsbewährter Grundprinzipien.

 

Interessant sind dafür z.B. bewährte Prinzipien der evolutionären Funktions-Dynamik nach Hans Hass - u.a.:

    -     Funktions-Erweiterung

Beispiele: Erweiterung der ursprünglich sozialen Intelligenz des werdenden Menschen auch auf dingliche  Beziehungen; Erweiterung der Gruppenaggressionsfähigkeit als Bündelungsmechanismus der Gruppenkräfte auf gemeinsame „Inangriffnahme“ von  Aufgaben nach dem Gehorsamsprinzip und dem Ideologie-Prinzip

    -     Funktions-Verlagerung

            Beispiel: Verlagerung der Aufbau- und Steuerungsrezepte für Organe vom Genom auf das Gehirn

    -     Funktions-Wechsel

Denkbares  Anwendungsbeispiel: Rückbau des Gemein­schafts­­organs Armee scheint schwierig zu sein  - wäre ein Wechsel zu verwandten friedlichen  Aufgaben möglicherweise leichter?

 

Für die Ko-Evolution von Genen und Memen ist von höchster Bedeutung, dass nach dem synergetischen Versklavungsprinzip die biologische Evolution die um Größenordnungen schnellere kulturelle Evolution versklavt.

 

Das hat zwei Folgen:

(1) In der kulturellen Evolution bewährte kulturelle Gegebenheiten sind genetisch verankerten Ergebnissen der biologischen Evolution angepasst (das gilt nicht für kurzfristig entstandene kulturelle Varianten, die den kulturellen Selektions­prozess noch nicht durchlaufen konnten).

Beispiel: Das System von Zins und Zinseszins ist ein kultureller Selbstverstärkungsmechanismus für Geldmacht. Dieser kann als kulturelle Anpassung an den genetisch verankerten Selbstverstärkungsmechanismus menschlichen Rangstrebens verstanden werden, der auf einem Hormonreflex beruht - also als Ergebnis einer Gen-getriebenen kulturellen Evolution.

(2) Genetisch verankerte Eigenschaften können umgekehrt nur an langfristig beständige kulturelle Gegebenheiten angepasst worden sein, wie hoher Nutzen der Meme für die Genverbreitung sowie deren Wechselhaftigkeit.

Beispiele: Universelle Nachahmungs-, Prägungs- und Lernfähigkeiten sowie das dafür nötige leistungsfähige Gehirn und Bündelungsmechanismen der Gruppenkräfte wie Gehorsams- und Ideologiefähigkeit (s.o.) können als genetische Anpassungen an Ergebnisse der kulturellen Evolution verstanden werden - also als Ergebnis Mem-getriebener kultureller Evolution. Dieser Prozess ist Grundlage dafür, dass der Mensch  nach Eibl-Eibelfeldt „von Natur aus ein Kulturwesen“ ist.

 

Es gibt mehrere Gründe weshalb Meme und deren Produkte gegenüber Genen und ihren Produkten enorm vergrößerte Ausbreitungschancen haben:

-         die zusätzliche Ausbreitungsmöglichkeit der Meme innerhalb jeder Generation,

-         ihre schon erwähnte größere Evolutionsgeschwindigkeit,

-         die physische Entkopplung von Mem-Information, Mem-Produkt und Mem-Kopiermaschinerie (demgegenüber sind Träger, Produkte und Kopierer der Gene identisch).

 

Von besonderer Bedeutung für ihren „sozialen Charakter“ ist die Zusammensetzung des Strategien-Pools einer Gesellschaft, der sich aus verschiedenen, in biologisch-kultureller Ko-Evolution entstandenen Interaktions-strategien der Energone anteilmäßig zusammensetzt - wie z.B.:

Tit-for-Tat-(wie-du-mir, so-ich-dir-)Strategie - enthaltend Ehrlichkeit/Betrug,

egoistische oder altruistische Strategien,

          „Tauben“- oder „Falken“-Strategie der Konfliktlösung,

          Täuschungs-Strategien.

 

Spieltheoretische Aussagen

 

Spieltheorie in Verbindung mit Evolutionstheorie kann Aussagen machen zu dem Mischungsverhältnis derartiger Strategien, das sich in einer Gesellschaft einstellt, und zu den Umständen, von denen es abhängt.

Beispiel: Die Strategie „Ehrlichkeit im gegenseitigen Verhalten“ hat in dauerhaften nicht-anonymen Kleingruppen weitaus bessere Existenzbedingungen als in den anonymen Massengesellschaften unserer Zeit, in denen Betrug dadurch wahrscheinlicher wird, dass Verhaltenspartner nicht dauerhaft interagieren, sich oftmals nie wieder begegnen und nicht unter Gruppenkontrolle handeln (Anmerkung: Es scheint auch eine „Ökologie“ der Strategien denkbar zu sein.

 

Wegen der evolutionären Schlüsselerfindung „soziale Führungshierarchie“ erzeugen menschliche Strategien quasi-fraktale (selbstähnliche) gesellschaftliche Funktions-Strukturen.

Beispiel: Die Strategie „Selbstschutz“ wird realisiert von Staaten durch Armeen, von größeren Einheiten innerhalb aller Staaten durch Wachschutz, von Bürgern in allen größeren Einheiten und Staaten durch verschiedene Arten individuellen Schutzes.

 

Von grundsätzlicher Bedeutung ist die Aussage der evolutionären Spieltheorie, dass bei antagonistischen Strategienpaaren nur gemischte Strategien evolutionsstabil sein können.

Beispiele: Reine Populationen von „Falken“ (Kämpfern bis zum bitteren Ende) würden sich gegenseitig ausrotten. Reine Populationen von „Tauben“ (konsequent friedfertigen Konfliktlösern) würden wehrlos unvermeidlichen „Falken“-Mutanten zum Opfer fallen. Nur eine Mischung kann stabil sein. Für Ehrliche und Betrüger gilt das analog.

 

Interessanter Weise ist es spieltheoretisch gleichwertig, wenn z.B. alle Bürger alle Strategien zu gleichen Prozentsätzen anwenden oder entsprechende Prozentzahlen von Bürgern jeweils nur eine der Strategien. Unter anderen Gesichtspunkten muss das überhaupt nicht gleichwertig sein.

Denkbares Anwendungsbeispiel: Sollte es - wenn ja, unter welchen Umständen - egal sein, ob ein Staat protektionistisch für alle die Schutzfunktion übernimmt, oder ob sich alle entsprechend rüsten? Oder wäre ein Gemeinschaftsorgan die energetisch/ökonomisch günstigste und sicherste Lösung?

 

Einige weltanschaulich besonders bedeutsame Folgerungen

 

Das bewusst erlebte, verantwortliche  „Ich“ eines Menschen ist ein während seiner gesamten Lebensspanne evolvierender Komplex von Memen (kulturellen Informationseinheiten) und unbewusst wirkenden, genetisch ererbten Handlungsmaximen, die als angeborene „Meme“ angesehen werden können. Die genetisch verankerte Fähigkeit hierzu dürfte ebenfalls durch Mem-getriebene biologische Evolution entstanden sein, denn sie dient eindeutig dem Fortpflanzungsinteresse der Meme: Jedes Mem, das in diesen Komplex  Aufnahme findet, hat besondere Fortpflanzungvorteile,  denn mit diesen Memen identifizieren wir uns, die setzen wir in Produkte und Verhalten um und verbreiten sie aktiv. - Die Mem-getriebene biologische Evolution hat uns zu kulturellen Wesen - zu perfekten Memverbreitern ausgestaltet.

 

Eine äußerst bedenkliche Folge dessen ist es, dass wir Menschen im Zuge unseres Globalverhaltens immer mehr bislang unbelebte Materie als vitalisierte Materie in den Lebensstrom einbeziehen - ein Prozess, der wegen unseres begrenzten Lebensraumes Erde eine natürliche Grenze haben muss. Für den Einzelnen wird das durch das Konzept des Ökologischen Rucksacks drastisch veranschaulicht (z.B. muss zur Herstellung eines Goldrings von 2 g zulasten der Umwelt insgesamt eine Masse von 2 t bewegt werden - das Millionenfache!).

Anmerkung: Das Konzept des Ökologischen Rucksacks sollte verallgemeinerbar und verwendbar sein für ein bisher anscheinend noch fehlendes Evolutionsmodell, das die energetischen Kosten von Evolution ihrem Informationsgewinn messbar gegenüberstellt.

 

Religionen/Ideologien sind verstehbar als evolvierte Memkomplexe mit viralem Wirkungsmuster - ähnlich manchen Kettenbriefen im Internet: Sie enthalten u.a. Aufforderungen zur Weiterverbreitung, verbunden mit tabuisierten oder unbeweisbaren Behauptungen sowie Drohungen/Verheißungen - bezogen auf eine jenseitige/diesseitige Zukunft. Die Art des Zukunftsbezugs macht Ideologien instabiler als Religionen. - Religiöse Institutionen sind potenziell unsterbliche Energone.

 

Wissenschaft ist ebenso ein evolvierender Memkomplex als Basis für wissenschaftliche Institutionen (Energone mit der Doppelrolle  Erwerbs-organisation und Gemein­schaftsorgan der Informationsbeschaffung). Er folgt aber einem anderen memetischen Grundmuster als Religionen und Ideologien: systematische Suche nach neuen Memen (wissenschaftlichen Aussagen) und Aussondern als falsch erwiesener Aussagen. Wissenschaft dient der Mem-Erzeugung.

 

Technik ist ein Memkomplex als Grundlage für Energone, die memetische Information massenhaft in Produkte und Verfahren umsetzen. Sie dient der Erzeugung von Mem-Produkten (Analogie: Gene bringen als Gen-Produkte Organismen hervor).

 

Wissenschaft, Technik, Ökonomie, Massenmedien, Religionen, Ideologien  u.a. wirken als Ordner im Sinne der Synergetik: Sie sind durch menschliches Verhalten hervorgebracht und wirken selbstverstärkend und selektiv ordnend darauf zurück. Das ist genau die für den synergetischen Versklavungseffekt typische zirkulare Kausalstruktur. Sie sorgt für das bedenkliche Anschwellen des Lebensstromes und damit verbundene zunehmende Konfliktpotenziale.

 

Modellierbarkeit

 

Die anfangs beschriebene „eiserne“ Entwicklungsgesetzmäßigkeit menschlichen Globalverhaltens darf niemand dazu benutzen, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Wir müssen nur erkennen, wie diese Verantwortung wahrgenommen werden kann.

 

Wenn wir uns - wie es der Fall ist - durch diesen Prozess bedroht fühlen, sollten wir alles daran setzen, ihn zu verstehen und zu gestalten.

 

Wie hier gezeigt, stellen verschiedene moderne Fachdisziplinen dafür geeignet erscheinende kombinierbare Wissensbausteine zur Verfügung, die zur Modellierung dieser komplexen Prozesse sollten verwendbar sein.

 

Es gibt mehrere Gründe, die trotz der hohen Komplexität Modellbildung für menschliches Globalverhalten aussichtsreich erscheinen lassen - so u.a.:

-         Der hohe Verallgemeinerungs- und  Abstraktionsgrad der Energon-Theorie kommt einer Modellierbarkeit entgegen. Sie bildet die quasi-fraktale Gesell-schafts-Strukturierung mit Bezug auf physikalische Lebensgrundlagen korrekt ab.

-         Das Globalverhalten wird durch eine relativ geringe Anzahl sehr allgemeiner und  z.T. recht simpler Grundprinzipien aus verschiedenen Disziplinen bestimmt.

-         Insbesondere kann das Zusammenwirken vieler Akteure in einem System durch relativ wenige Ordnungsparameter erfasst werden, für deren Herausfinden ein wenigstens prinzipiell gangbarer Weg existiert.

 

Auch für die Hoffnung auf Gestaltbarkeit gibt es Gründe:

-         Modellierungen der angestrebten Art bilden nicht nur den dynamischen  Augenblickszustand eines Systems ab. Szenario-Analysen lassen vielmehr alle überhaupt möglichen und vielleicht erreichbaren Systemzustände erkennen.

-         Sie lassen auch die wesentlichen Kontrollparameter erkennen, die verändert werden müssen, um einen anderen Systemzustand zu erreichen.

 

Organisierte Selbstorganisation bedeutet demnach, die durch Evolution und Selbstorganisation entstandenen Kontrollparameter zu identifizieren und zu beeinflussen. Hierin ist der subjektive Handlungsspielraum zu erkennen, der uns trotz der scheinbar „eisernen“ Gesetzmäßigkeiten unseres Globalverhaltens zur Verfügung steht.

 

Modelle dürfen allgemein weder unter- noch überschätzt werden. Wie eine Karikatur der Wirklichkeit fördern gute Modelle aber Wesentliches zutage (Wiedenroth). Wir werden nicht ohne sie auskommen.  Andererseits ist gesunde Skepsis angebracht - weil die Wirklichkeit immer reichhaltiger ist, Überraschungen bereit hält und Wichtiges übersehen werden kann. - Trotzdem: Ein mit Vorsicht angewendetes, vermutbar nicht falsches Modell ist immer noch besser als gar keins.