Liebe Kommilitonen,

wir haben wenig Zeit für viel Stoff - darum sofort zum Thema: Es geht um die künftigen Geschicke der Menschheit.

Ausgangspunkt (Abb.1): Eine Simulation der Menschheitsentwicklung mit einem ökonomischen Weltmodell (Club of Rome 1973, Updates 1994 und 2004).

Erschreckende Prognose: Wenn wir weitermachen wie bisher, führen Ressourcenverknappung und Umweltverschmutzung ab etwa 2020-30 in weniger als einem halben Jahrhundert nacheinander zu einem drastischen Zusammenbruch der Nahrungs­mittelproduktion, des Industrieoutputs und der Weltbevölkerung.

 

In der 4 Md. Jahre währenden exponentiellen Aufwärtsentwicklung der Menschheit kommt es in einem historisch winzigen Augenblick zu einem nie da gewesenen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte (sogar im mathematischen Sinne), dessen Zeugen und Mitgestalter wir sind. Unsere Kinder und Enkel werden voraussichtlich voll davon betroffen sein. Der Wendepunkt ist unvermeidlich. Leider deutet vieles darauf hin, dass er zur Katastrophe geraten könnte.  

Als Naturwissenschaftler beginnt man in so einer Situation mit Ursachenforschung:  Wo liegen die innersten Triebkräfte und welches sind die Mechanismen, aus denen diese gefährliche exponentielle Entwicklung resultiert? An welche Grenzen geraten wir damit, die - wenn wir nicht aufpassen - das System Menschheit zum Absturz bringen können?

Meine Arbeitshypothese war von Anfang an: Kern des Problems ist der Mensch selbst, und es sind die Systemstrukturen, die wir in biologisch-kultureller Koevolution erzeugt haben.

Jedem Systemtheoretiker ist sofort klar: Funktionelle Strukturen, die exponentielles Wachstum produzieren, müssen einen übergewichtigen Anteil positiver Rückkopplungen enthalten.


Also habe ich nach biologisch verankerten Verhaltensdispo­sitionen gesucht, die sich zu positiven Rückkopplungen verschalten lassen und danach gefragt, was denn die Gesellschaft daraus macht. So sind zunächst regelungstechnische „Teilmodelle menschheitlichen Globalverhaltens“ entstanden, die ich Euch nun vorstellen möchte.

Die regelungstechnische Struktur in Abb. 2 basiert auf angeborenen individuellen Verhaltenseigenschaften, die wir Menschen mit vielen Tieren gemeinsam haben: Belohnungsempfänglichkeit und Erfahrungslernen (rotes Feld).

Wenn man Tauben in einem großen Käfig füttert, indem man einzelne Körner mit wachsender Frequenz regellos verteilt, dann rennen die Tauben nach jedem einzelnen Korn und lernen dabei, dass wachsende Lauf- und Pickleistung mit wachsender Körnerbelohnung verbunden ist. Bei ihrer Jagd nach Körnern verausgaben sie schließlich mehr Energie als sie reinbekommen - trotz ständigen Fressens würden sie verhungern.

Dieses Experiment kann als Modell des Leistungsprinzips und seiner Entartung zur Sucht gelten. Charakteristisch dafür ist die positive Rückkopplung zwischen Leistung und Belohnung. Ich hoffe sehr, dass keiner von Euch zu den sog. Workaholics, den Arbeitssüchtigen, gehört, die sich für immaterielle oder materielle Belohnung bis zum Infarkt verausgaben. - Das ist die individuelle Ebene mit ihren biologischen Voraussetzungen.

Was hat die Gesellschaft auf der kulturellen Ebene (blaues Feld) daraus gemacht? Individuelle Leistungen begründen den wirtschaftlichen Sektor Produktion. Belohnung - über Geld vermittelt - begründet den Sektor Konsumtion. Beide sind auf der  gesellschaftlichen Ebene über Angebot und Nachfrage zu einer ganz ähnlichen positiven Rückkopplung verschaltet  wie Leistung und Belohnung auf der biologischen Ebene.

Da das System ausschließlich positive Rückkopplungen enthält, produziert es einen unbegrenzt und beschleunigt wachsenden Einfluss auf die Umwelt, auf unsere natürlichen Lebensgrundlagen: Produktion und Konsumtion verbrauchen Ressourcen und hinterlassen Abfälle. Es ist so etwas wie eine „ökologische Zeitbombe“.

Das nächste Modell Abb. 3 beruht auf unserem biologisch verankerten Streben nach Rang, Ansehen und Macht sowie nach Ressourcen, wobei wir Geld als eine Art universeller Ressource ansehen können. Anders als z.B. unser Nahrungsstreben unterliegt unser Rang-bzw. Machtstreben über einen Hormonreflex einer Selbstverstärkung: Wenn wir hungring sind und essen, sind wir hinterher satt. Befriedigen wir dagegen unseren Machthunger, dann löst das noch größeren Machthunger aus.

Wer Macht besitzt, kann Geldströme auf sein Konto lenken, und wer genug Geld hat, kann diese universelle Ressource zum Machterwerb einsetzen - Macht- und Geldbesitz sind positiv rückgekoppelt miteinander verbunden. Geld kann zwanglos nicht nur als universelle Ressource sondern auch als Machtmittel eingestuft werden. Soweit die indivduelle biologische Ebene (wieder rot hinterlegt).

Frappierenderweise haben wir das Machtmittel Geld auf der kulturellen gesellschaftlichen Ebene (blau hinterlegt) mit einem ganz ähnlichen Selbstverstärkungsmechanismus ausgerüstet, wie ihn dieser biologische Hormonreflex darstellt: Durch den „Zins-Reflex“ (genauer: durch Zinseszins) vergrößert sich die Geldmacht eines Geldbesitzers eigendynamisch und beschleunigt ohne sein weiteres Zutun.
Welche Wirkungen zeitigt dieses positiv rückgekoppelt ver­schaltete System dreier positiver Rückkopplungen? - Dieses regelungstechnische System vergrößert die beiden Scheren Arm/Reich und Ohnmacht/Macht. Es wirkt lokal, regional und global und erzeugt eine quasi-fraktale Arm-Reich-Struktur, von der Abb. 4 einen Eindruck vermittelt:

Links die Verteilung des Nettogeldvermögens der Haushalte in einem Land - viele besitzen wenig, ganz wenige dagegen sehr viel. Rechts ist die Entwicklung der sozialen Schere zwischen den mittleren Einkommen  in allen Ländern dargestellt - über fast zwei Jahrhunderte beschleunigt wachsende soziale Disparität! Wir müssen dieses Teilsystem als eine Art „sozialer Zeitbombe“ einstufen

Abb. 5 zeigt mein Modell der Massenmedien. Unser biologisch begründeter Nachahmungsantrieb sorgt dafür, dass in einer realen Welt ohne Massenmedien Menschen ihr eigenes Verhalten in einem vielfach rückgekoppelten Prozess am Verhaltensvorbild ihrer Kontaktpersonen ausrichten (rot hinterlegt, gepunktete Rückkopplungsschleife).

Was machen die Massenmedien? Sie entnehmen der realen Welt letztendlich potentielle Verhaltensvorbilder und koppeln sie als nachahmbare Verhaltensattrappen auf Millionen von Konsumenten zurück (blau hinterlegt, ausgezogene Schleife). Attrappen sind - nach Konrad Lorenz - verhaltensbeeinflussende künstliche Reizmuster.

Entscheidend für die Wirkung der Massenmedien ist dabei die in sich geschlossene  „Reihenschaltung“ von drei Selektionsschritten (grün): Die Medien entscheiden über die anzubietenden Inhalte und die Konsumenten zunächst darüber, ob sie z.B. „Bild“ lesen wollen, RTL oder Arte sehen, Nachrichten oder Krimi und dann noch einmal - und zwar meist völlig unbewusst - was von dem Aufgenommenen sie „nachahmen“ bzw. in eigenes Verhalten umsetzen werden.

Grundsätzlich müssen wir demnach erwarten, dass Massenmedien das in einer Gesellschaft gelebte Spektrum von Verhaltensweisen irgendwie selektiv beeinflussen werden. - Unter welchen Bedingungen wirkt diese Rückkopplung als selektiver Verstärker, und was verstärkt und was unterdrückt der dann?

Unterstellen wir einmal, dass ein Massenmedium konkurrenzgetrieben mehr auf Quote aus ist als auf gesellschaftsnützliche Inhalte, also im eigenen Sinne zweckrational entscheidet. Dann wird es bevorzugt Inhalte anbieten, für die alle Menschen angeborener maßen eine bevorzugte Neugier und Aufmerksamkeit zeigen - Gewalt, Konsum, Sex . Nachhaltigkeit z.B. wäre gesellschaftlich zwar nützlicher aber leider weniger „sexy“. Die genannten Verhaltensbereiche sind die gleichen, in denen wir als erfolgreich vorgelebtes Verhalten unbewusst bevorzugt auch nachahmen. Für diese drei Verhaltensbereiche ist also die selektive Reihenschaltung  „offen“.

Existenziell von Quote abhängige Massenmedien werden demnach das Warscheinlichkeits­spektrum realer menschlicher Verhaltensweisen in Richtung auf die Verhaltensbereiche Gewalt, Konsum, Sex einengend verändern - zu ungunsten kulturell als höherwertig anzusehender Verhaltensweisen (Abb. 6) - insbesondere solcher, die helfen könnten, die mit den ersten beiden Teilmodellen aufgeworfenen Probleme zu lösen. Scharf formuliert müssen wir die gern als Volksbildungsinstrument angesehnen Medien eher als  „Massen- Verdummungssystem“ einstufen.

 


Funktioniert das tatsächlich so? Abb. 7 zeigt zwei inhaltlich ziemlich deckungsgleiche Gewaltstatistiken, aber in unterschiedlichem Zeitmaßstab: Oben in geringer Zeitauflösung eine Gewaltwelle, nach der ein erhöhtes Gewaltniveau zurückbleibt; unten - in größerer Auflösung - mehrfach die gleiche Struktur - insgesamt eine quasi-fraktale Zeitstruktur - ähnlich den Börsenkursen.


 


Was steckt dahinter? - Nach den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Rostock gab es offenbar eine in Schüben auftretende „Nachahmungswelle“ von Straftaten mit Gipfeln in Hoyerswerda und Solingen. Da die rechtsextreme und gewaltbereite Szene zu damaliger Zeit nachweislich nicht organisatorisch vernetzt war, kann das Signal zur Nachahmung nur unfreiwlillig mit der Berichterstattung der Massenmedien transportiert worden sein. Das funktioniert wie bei einer roten Ampel: Sobald einer quasi als „Erlaubnisgeber“ losläuft und wahrgenommen wird, traben ihm andere hinterher. Die Medien haben für Wahrnehmung gesorgt.

Was die Massenmedien leisten, könnte man als Wahrschein­lichkeitsmanagement für menschliches Verhalten bezeichnen. Existenziell quotenabhängige private Medienanstalten einzurichten war eine politische Entscheidung zum Wahrscheinlichkeitsmanagement - und zwar im kurzsichtigen Eigeninteresse der Wirtschaft: Es steigert Konsumtion, Produktion und damit leider auch beider Impakt auf die Umwelt und trägt sicher wesentlich zum sog. Bumerangeffekt bei. Damit ist die Erfahrung gemeint, dass jeder technisch erreichte Gewinn an Ressourceneffizienz (verminderter Ressourceneinsatz pro Nutzeneinheit) bisher mehr als wett gemacht wurde durch massenhaft gesteigerte Produktion und Anwendung dieser Nutzeneinheiten.


 

Wir haben noch ein letztes Teilmodell für unser Wissenschafts- und Wissenschafts­verwertungssystem (Abb. 8), das ich extrem abgekürzt behandle: Wissenschaft, Technik und Wirtschaft (blau) realisieren arbeitsteilig den von Tembrock beschriebenen, genetisch verankerten allgemeinen Algorithmus motivierten Verhaltens, nach dem z.B. eine Katze eine Maus fängt (links, rot). Gleichzeitig agiert jeder dieser Teilbereiche im Wesentlichen nach der Versuch-Irrtum-Methode, nach der schon jedes Baby seine Welt erkundet (rechts, rot). Das Ganze wird eher nach Erfolg als nach Misserfolg für die Gesellschaft bewertet. Sehr pointiert formuliert ist das ein System organisierter Verantwortungslosigkeit, mit dem wir uns immer wieder in gesellschaftliche Massenexperimente mit ungewissem Ausgang stürzen.

Diese Modelle erfassen zunächst nur qualitativ verschiedene Teilaspekte menschheitlichen Globalverhaltens in ihren Kausalzusammenhängen und zeichnen sich durch bemerkenswerte Gemeinsamkeiten aus:

Alle sind selbstähnliche (quasi-fraktale) Regelungsstrukturen. Damit ist gemeint, dass auf biologischer Basis bestehende individuelle Prinzipien der Verhaltensregulation sich auf kultureller Ebene im Verhalten großer gesellschaftlicher Funktionseinheiten wiederfinden. Zumindest für zwei davon zeigt sich: Sie produzieren quasi-fraktale Strukturen - eine räumliche Arm/Reich-Struktur und z.B. eine zeitliche Struktur des Gewaltniveaus.

Die Modelle enthalten ausschließlich positive Rückkopplungen, auf deren Grundlage sie globale Probleme verursachen: ökologische und soziale, Bildungsprobleme und riskante Selbstexperimente. Gleichzeitig dürfte klar sein, dass gerade die hier dargestellten Regelungsprinzipien für die rasanten und bisher zumeist positiv bewerteten Fortschritte der Menschheit bestimmend waren und sind - eine wirklich verzwickte Situation. Wenn wir uns an das Taubenexperiment und dabei auf die wesentliche Rolle der positiven Rückkopplung besinnen, dann kommen wir zu der Diagnose im Titel meines Vortrages (die übrigens auch eine mögliche Therapie-Strategie vermuten lässt).  

Welcher Art sind die Grenzen, gegen die uns diese Regelungsstrukturen treiben? Ich kann die  Abb. 9 bloß schnell vorlesen und kurz kommentieren:


Diese physischen Begrenzungen unseres Planeten sind durch die anfänglich zitierten Modellrechnungen des Club of Rome einigermaßen ins Bewusstsein gerückt. Ganz anders die hier genannten monetären Grenzen.

Dass der Zuwachs „aus dem Nichts“ geschöpften Geldes den Zuwachs an realem Bruttoinlandsprodukt übersteigt ist bereits seit längerem so und hat die weiter genannten Effekte zur Folge ... Das kann natürlich überhaupt nicht sein.

Noch wenigen dämmert bisher, dass unser Weltfinanzsystem da auf nicht überschreitbare Grenzen zusteuert und uns neben ökologischer und sozialer Katastrophe auch eine monetäre Katastrophe droht (Prognose: um 2040).

Bezüglich Tempo-Grenzen ist das von dem russischen Physiker Prof. Kapitza entdeckte „Quadratische Prinzip“ bedeutsam: Über die gesamte Menschheitsgeschichte  hat das Überleben einer verdoppelten Anzahl von Menschen immer ein vervierfachtes Innovationstempo erfordert. Und dessen unbegrenzter Steigerung steht entgegen, dass unser Gehirn nicht schneller als im Generationentakt biologisch prägbar ist. ...

„Kulturelle Mutationsrate sehr viel größer als Selektionsrate“ ist meine Formulierung für das, was der Physiker Peter Kafka als „evolutionäre Beschleunigungskrise“ bezeichnet hat. Die Folge: Es entstehen und erhalten sich Dinge, die den realen Umständen in keiner Weise angepasst sind.

Und damit sind wir beim letzten Punkt, den ich noch anreißen möchte: biologisch-kulturelle Koevolution - der Prozess, dem wir die Entstehung der Regelungsstrukturen verdanken, die uns in Konflikt mit den genannten Grenzen bringen.

Ich werde dafür drei Theorien miteinander verbinden: die darwinsche biologische Evolutions-Theorie, die Memetik - eine darwinistische Theorie kultureller Evolution und die sog. Energon-Theorie von Hans Hass - dem Meeresbiologen, dessen aufregende Unterwasser-Filme zu unserer Jungendzeit in den Kinos waren.

Hans Hass bringt selber schon physikalische, biologische und ökonomische Aspekte der Entwicklung des Lebens zusammen. Er klärt vor allem die Frage: Welches sind eigentlich die Einheiten, an denen Evolution angreift? S. Abb. 10. - Er sagt: Es sind besondere dissipative (also existenziell auf Energiedurchsatz angewiesene) Strukturen - nämlich nicht bloß passiv sondern aktiv Energie erwerbende (und verausgabende) Einheiten - und ich erweitere das noch ein wenig und bezeichne aktiv Energie, Information und Stoff erwerbende (und


verausgabende) Einheiten - wie Hans Hass - als „Energone“. Und ein Energon ist nicht der nackte menschliche Körper (im Schema braun) mit seinen köpergebundenen, aus der Keimzelle hervor­gegangenen und aus organischem Material bestehenden natürlichen Organen. Es  müssen alle kulturell geschaffenen, funktionell dazugehörigen „künstlichen Organe“ eines Menschen einbezogen werden. Dabei teilt Hass diesen Energon-Körper noch in einen Erwerbs- oder Berufs-Körper und einen Luxus-Körper ein: Der Spaten, mit dem im energonzugehörigen Garten Kartoffeln angebaut werden können, gehört zum Erwerbskörper - genauso wie das Konto, von dem die Spritrechnung zum Ausliefern der Kartoffeln mit dem Firmenwagen bezahlt wird. Die Golfschläger gehören zum Luxusköper, und weil der Firmenwagen auch zu Vergnügungsfahrten benutzt wird, dient er sowohl Erwerb als auch Luxus. Solche Einzelenergone werden - ähnlich wie man in der Biologie Grasfresser, Insektenfresser usw. nach der Art ihres Energieerwerbs unterscheidet - nach ihrer Erwerbsart in Energonarten unterteilt. Einzelenergone können zu quasi-fraktal organisierten Erwerbsorganisationen vereinigt sein: Das Energon „Oper“ besteht aus den Teilenergonen „Orchester“ und „Sängerensemble“, das Orchester aus den Energonarten „Geiger“, „Trompeter“ usw., und jedes „Musiker-Einzelenergon“ aus Musiker samt Instrument. Eine Erwerbsorganisation kann auch Gemein­schaftsorgane besitzen - für Sänger und Instrumentalisten ist es das Opernhaus.  Alle Energone erwerben Energie - vermittelt über die Universalressource Geld. Sie bilden so etwas wie ein ökologisches Netzwerk voneinander abhängiger und miteinander um Ressourcen konkurrierender Energonarten. Das ist nach Hans Hass das physikalisch gedeutete „verborgene Gemeinsame“ von Wirtschaft und Biologie.

Und das reicht sogar noch weiter: Der nackte Körper enthält in seinem Genom Gene - biologische Informationseinheiten, die Hans Hass als Steuerrezepte für Aufbau und Verhalten des Energons bezeichnet. Zu diesen Steuerrezepten rechnet er aber auch noch die kulturellen Informationseinheiten im Gehirn dazu, die Aufbau und Verwendungsweise unserer künstlichen Organe steuern. Er nennt sie nicht Meme, aber sie sind Gegenstand der Memetik. Deren Kernaussage ist die folgende: Meme entwickeln sich genauso wie die Gene nach demselben darwinistischen Evolutionsalgorithmus aus Mutation, Replikation und Selektion. Wie die Gene von Generation zu Generation werden die Meme  durch Nachahmung in einem sehr weiten Sinne von Gehirn zu Gehirn „vererbt“ und haben aber dadurch gegenüber den Genen einen ganz ungeheuren Ausbreitungsvorteil: Ein angeborenes Kochtalent kann die Mutter nur im Generationentakt an ihre Kinder und Enkel vererben. Das dauert. Ein Suppenrezept aber kann sie in Kochkursen täglich an 100 Teilnehmer weitergeben.

Leider kann ich nicht auf viele interessante Konsquenzen dieser Denkansätze eingehen und will nur noch versuchen, eine Brücke zu schlagen zu unserem Globalverhalten und zu dem Vortrag von Paul über Religionen.

In welchem Verhältnis stehen biologische und kulturelle Evolution zueinander? Es gibt keinen wirklichen Grund, dazwischen einen gravierenden Unterschied zu sehen - außer, dass wir es zunächst mit zwei verschiedenen Replikatoren zu tun haben.  Ergebnisse der biologischen Evolution liefern das Umfeld für die Evolution der Meme. Umgekehrt liefern Ergebnisse der kulturellen Evolution das Umfeld für die Evolution der Gene - eine scheinbar symmetrische Beziehung, die zu gegenseitiger Anpassung von Genen und Memen führen sollte und das auch tut.  - Aber: Anpassung an ein Umfeld kann nur erfolgen, wenn dieses im Vergleich zur Evolutionsgeschwindigkeit hinreichend lange konstant bleibt. Da das genetische Umfeld für die Kulturentwicklung praktisch als konstant angesehen werden kann, müssen wir davon ausgehen, dass unsere viel schneller wechselnde Kultur im wesentlichen eine Anpassung an unsere genetischen Vorgaben darstellt. Das ist genau das, was in sämtlichen von mir vorgestellten Modellen zum Ausdruck kommt - am deutlichsten abzulesen am Macht-Geld-Modell: Der „Zinseszins-Reflex“ ist eine kulturelle Anpassung an den Hormonreflex beim Rangstreben.

Bedenken wir, dass fraktale Strukturen grundsätzlich dadurch entstehen, dass derselbe Bildungsalgorithmus unendlich oft iterativ angewendet wird, dann verwundert auch nicht, das der zwar oft, aber nicht unendlich oft angewendete Evolutionsalgorithmus quasi-fraktale Strukturen erzeugt hat, auf die wir ja wiederholt gestoßen waren.

Eine Anpassung unserer Gene kann es umgekehrt nur an solche kulturellen Bedingungen geben, die bei den sehr häufigen kulturellen Wechseln trotzdem sehr lange unverändert geblieben sind. So dürfte unsere universelle Nachahmungsfähigkeit dadurch einen evolutionären Schub bekommen haben, dass Nachahmung vielfältiger und erfolgreicher kultureller Verhaltensweisen bisher immer einen genetischen Vorteil erbrachte, sich also in mehr Nachkommen ausgezahlt hat, die diese Nach­ahmungsfähigkeit weitervererben konnten.

- Zur Religion:

Betrachten wir die von den Gläubigen getragenen Institutionen der Weltreligionen als Energone - als aktiv Energie, Information und Stoff erwerbende Einheiten, gesteuert durch jeweils einen eigenen Komplex von Memen (Glaubenssätzen, Glaubensbestandteilen). Religiöse Institutionen gehören zu den geistig und materiell mächtigsten Institutionen dieser Welt. Menschen spielen in ihnen die Rolle regelnder und steuernder „Keimzellen“, die ersetzt werden, wenn sie abgestorben sind. Sie scheinen damit die Eigenschaft potentieller Unsterblichkeit zu haben. In der Konkurrenz mit vielen anderen zeitweise aufkeimenden Religionsgemeinschaften konnten sie sich durchsetzen, weil ihre Memkomplexe offenbar ihre eigene Verbreitung besonders gut absichern konnten - durch drei Arten memetischer Glaubensbestandteile, die ich als „memetische Tricks“ bezeichne und für die ich je ein Beispiel gebe:

Trick 1:           Bestmögliche Anpassung von Glaubensbestandteilen an die menschlichen Natur – z.B. an das Pendant zum Rangstreben - das Streben nach Unterordnung unter eine orientierende und schützende höchste Autorität  - wenn sie denn als vorhanden angesehen wird - nämlich Gott.

Trick 2:           Glaubensbestandteile dienen der Verbreitung religiöser Meme – z.B. die biblische Aufforderung: „Seid fruchtbar und mehret euch“.

Trick 3:           Glaubensbestandteile, die dem Schutz memetischer Bestandteile gelten.

Behauptungen, wie: „Gott ist unsichtbar, aber allgegenwärtig“ bezeichne ich als Unüberprüfbarkeits-Trick. Sie schützen den Glauben vor z.B. wissenschaftlicher Widerlegung.

Obwohl Religionen, Ideologien und Wissenschaften eine ganze Menge Gemeinsamkeiten aufweisen, ist gerade das letztere ein ganz bedeutender Unterschied zur Wissenschaft:  Sie enthält ausdrücklich ein „Überprüfungs-Mem“.

U.a. darum ist es mein (nicht-religiöser) Glaube, dass Wissenschaft nicht nur irgendwie beteiligt ist an der Erzeugung unserer globalen Probleme, sondern dass sie auch helfen kann, sie zu lösen.